Seelisches Wohlbefinden aus Sicht der Logotherapie und Existenzanalyse. Teil 2: Sinn


Teil 2: Was bedeutet sinnvoll leben können in der Logotherapie und Existenzanalyse?


Jeder Mensch wird über kurz oder lang mit dem Begriff „Sinnkonfrontiert. Desto aufmerksamer wir uns mit unserer Umwelt auseinandersetzen, desto öfter kommt einem dieser Begriff in Zeitschriften, in Gesprächen oder auch in den sozialen Medien unter (als Beispiel: sinnvoll, sinnlos, Sinn des Lebens, Sinnkrise...). Immer wieder fragen wir uns: Wofür möchte ich leben? Was möchte in mir verwirklicht werden? Was ist überhaupt der Sinn meines Lebens? In der Logotherapie (Logos = Sinn) und Existenzanalyse hat die individuelle Sinnverwirklichung einen großen Stellenwert. Sie beschreibt, dass Sinn nicht erfunden oder geplant, sondern nur gefunden werden kann. Es geht nicht darum, dass das Leben einen großen Sinn verfolgt, der für alle Menschen gleich ist, sondern darum, sich in jedem Moment für das Sinnvollste zu entscheiden. Niemand Außenstehender kann einer Person sagen, was gerade das Sinnvollste ist. Wir Menschen haben die Aufgabe unseren individuellen Sinn im Augenblick zu erspüren. Wir können uns in jedem Moment für die sinnvollste Möglichkeit entscheiden. „Sinn ist somit das Bestmögliche, das ein Mensch aus einer Situation heraus gestalten kann- für sich selbst und für alle beteiligten Menschen (Schechner & Zürner, 2018, S. 134).“ Zur Entscheidungshilfe steht uns unser persönliches Gewissen sowie unsere Intuition zur Verfügung. Unser Gewissen unterliegt nicht, wie vielleicht manchmal angenommen, starren, erlernten Regeln, sondern orientiert sich an der jeweiligen Situation (wir können fühlen, was „an sich gut“ für einen selbst und für andere ist). Der Zugang zu unserer Intuition und dem Gewissen kann manchmal durch Erziehungsfehler, Traumatisierungen, an-erlernter Glaubenssätze sowie Angst blockiert sein. Hier kann die Therapie unterstützen, den Zugang dazu wiederzufinden und/oder zu vergrößern. Wir haben somit die Freiheit uns für das Sinnvollste im Augenblick zu entscheiden, gleichzeitig tragen wir auch Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen. Dies gilt auch für nicht getroffene Entscheidungen. Hier kann die Psychotherapie Klient*innen dabei unterstützen, die Entscheidungsfähigkeit zu stärken. Desto öfter wir uns für das Sinnvollste entscheiden, desto mehr „er-füllen“ wir unser Leben. Elisabeth Lukas betont in ihren Schriften, dass nicht die leeren Felder am Ende des Lebens im Fokus stehen, sondern die vollen Scheunen an geleisteten menschlichen Verwirklichungen und gemeinsamen Erlebnissen. Alles was gut war, bleibt gut und kann nicht mehr verändert werden. Manchmal vermittelt uns die Gesellschaft, das Phänomene wie Glück und Erfolg das am sinnvollsten zu Verwirklichende sind. Dies stellt sich jedoch oft als Sackgasse heraus und führt in den seltensten Fällen zur menschlichen Erfüllung. Glück, Zufriedenheit oder Erfolg können sich als Begleiterscheinung einstellen, wenn wir uns in der Liebe zu einer Sache, in Werten oder zu einem Menschen verwirklichen.

Auf die Frage eines Interviewers, was er jungen Pianist*innen für ihre Karriere empfehlen würde, antwortete der chinesische Starpianist Lang Lang:

„Ich glaube, das Wichtigste für einen Künstler ist, dass der Erfolg nicht die Hauptmotivation sein darf. Wenn man immer nur daran denkt, erfolgreich zu sein, dann ist das sehr gefährlich. Wenn ich als Künstler Klavier spielen will und auch während des Auftritts daran denke, möglichst erfolgreich zu sein und wie ich bei den Leuten ankomme, dann wird mein Vortrag nicht mitreißend sein. Wenn man sich Gedanken darüber macht, warum man auf die Bühne geht, nämlich um vorzutragen, dann arbeitet man auch beim Üben ganz anders, als wenn man übt um erfolgreich zu sein“ (Schechner & Zürner, 2018, S. 92).

Literaturtipps:

  • Viktor E. Frankl: Die ärztliche Seelsorge

  • Elisabeth Lukas: Lehrbuch der Logotherapie

  • Schechner und Zürner: Krisen bewältigen


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