• Eva Penz

Der Zauber der ungeteilten Aufmerksamkeit

Die Mutter holt ihren Sohn (8a) von der Schule ab. Sofort bemerkt sie, dass er schlecht drauf ist und er dies sein Umfeld wissen lässt. Er fängt an zu Nörgeln, er will jetzt unbedingt seine Ninjago Sammelkarten kaufen und wird wütend, als die Mutter das ablehnt. Überhaupt scheint sie alles falsch zu machen, nichts passt ihm – es ist zu heiß, die Mutter soll seine Schultasche tragen und alles passiert gerade zu langsam. Und überhaupt ist sie eine blöde Mama. Kann sein, dass ihm auch noch ein schlimmeres Adjektiv zu ihr einfällt.

Zuerst ist die Mutter geduldig und erträgt seine Launen, doch nach und nach reicht es ihr. „Rede nicht so mit mir.“, „Du musst nicht so schreien, ich kann dich auch so ganz gut hören“, „Jetzt reicht es aber…“. Zuhause angekommen, geht er in sein Zimmer und schlägt die Türe hinter sich zu. Und seine Mutter ist wütend und traurig zugleich – schon wieder endet der Konflikt so.


Oft unterschätzen wir die Kraft der ungeteilten Aufmerksamkeit.


In unserer Gesellschaft ist es nicht unüblich, dass wir von einem Termin zum Nächsten hetzen und wenn wir dann endlich zuhause ankommen, lassen wir uns aufs Sofa fallen, holen unser Handy raus oder bemerken, was wir noch alles an Haushalt erledigen müssen.

Nebenbei hören wir unseren Kindern zu, die etwas quengelig unsere Aufmerksamkeit einfordern. Pflichtbewusst hören wir mit einem halben Ohr zu und lächeln es auch an. Wir spüren, dass es uns eigentlich jetzt brauchen würde, doch auch wir Erwachsene brauchen Erholung und Ruhe. Gleichzeitig fällt es uns auch schwer, uns auf eine Sache zu konzentrieren. Multitasking ist ein weitverbreitetes Phänomen, dessen Umsetzbarkeit wir uns herbeisehnen. Das funktioniert nur nicht, denn unser Gehirn ist nicht danach ausgerichtet. Wir können uns nur auf eine Sache zu 100% fokussieren.


Was bedeutet also ungeteilte Aufmerksamkeit:


Es ist ein Zustand in dem du in deiner vollen Präsenz bist. Dein Fokus richtet sich- jetzt bezogen auf unser Thema – auf dein Kind. Du nimmst es wahr, so wie es ist. Du bewertest sein Verhalten nicht, du verbesserst es nicht, drängst es nicht, baust keinen Druck auf und lässt alle „ja, aber…“ ruhen. Öffne einen Raum in dir, der dir erlaubt, dein Kind neugierig zu betrachten und lass dich überraschen, wie sich alles Weitere entwickeln wird.

Oft haben wir die Idee, dass wir keine Zeit für so einen Austausch haben oder noch öfter: es fällt uns schwer, nicht auf den Zug der starken Emotionen aufzuspringen. Doch es ist möglich, versuche es immer wieder, mal wird es besser funktionieren, mal nicht so. Das ist okay. Nach und nach wirst du erleben, wie nährend dies für euch beide ist. Wenn dein Kind und du solche wertvollen Momente immer wieder erlebt, wird das eine sehr verbindende Erfahrung für euch, die eure Beziehung ungemein stärken wird.


Ein Beispiel:


Die Mutter holt ihren Sohn von der Schule ab. Sehr schnell spürt sie seine innere Unruhe, die nach außen gut sichtbar ist. Kurz hält sie inne und „sammelt“ sich, spürt sich selbst. Das hilft ihr, bei sich zu bleiben und nicht mit seinen Emotionen mitzugehen.

Sie hört ihm zu, hört sein Schimpfen und Drängen. Auf dem Weg nach Hause gibt es eine Sitzbank am Straßenrand und sie bittet ihren Sohn, sich kurz mit ihr hinzusetzen. „Ich höre, dass du sehr wütend bist. Was ist denn los?“. Und sie wendet sich ihm zu. Sie vergisst in diesem Moment, dass ihre Arbeitskollegin ihr eine Zusatzaufgabe untergeschoben hat. Sie vergisst, dass sie noch einen Arzttermin vereinbaren muss. Sie vergisst, dass ihre beste Freundin noch auf einen Rückruf wartet. Sie beobachtet ihren Sohn. Sieht, wie er wütend mit seinem Fuß eine Blume tritt, wie seine Stirn noch in Falten gelegt ist, seine Schultern hochgezogen sind. Körperlich und geistig ist sie ihm völlig zugewandt.

„Ich habe die Mathematik - Aufgabe nicht geschafft.“ Sagt er recht leise.

„Du hast die Aufgabe nicht geschafft.“ Wiederholt sie auch leise, um ihm zu zeigen, dass sie ganz bei ihm ist. „Ja! Und die Lehrerin hat gesagt, dass ich das doch schon wissen sollte. Das war so blöd! Konrad hat auch gelacht!“

Er erzählt von seinem Erlebnis in der Schule und sie hört ihm zu. Nach und nach entspannt sich sein Körper, seine Züge werden weicher, die Blume ist im Moment nicht mehr wichtig, er ist ganz in seinem Verarbeitungsprozess und die Mutter „hält“ den Moment. „Oh, das verstehe ich sehr gut, dass das unangenehm für dich war.“, sagt sie dann.

„Ja.“, sagt er. „Komm Mama, ich will jetzt nach Hause.“, schließt er den Moment nach ca. 7 min ab.


Jede/r von uns trägt das emotionale Grundbedürfnis nach Verstanden werden und nach Verbindung in sich. Wie schön, wenn es erfüllt wird.




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