Erwartungen im Familienalltag

Wie belastend sie sein können und wie wir zu mehr Leichtigkeit kommen


Zu hohe Erwartungen an uns oder an unsere Kinder sind eine der häufigsten Ursachen für Stress im Alltag. Sie erzeugen Druck und machen das Leben starr. Sich hiervon zu lösen kann herausfordernd sein, denn schließlich wird von der Gesellschaft in der wir leben erwartet, dass wir Eltern Erwartungen an unsere Kinder haben. Vor allem Leistung und gutes Benehmen stehen ganz oben auf der gesellschaftlichen Prioritätenliste.

Bevor wir nun unbewusst unseren Erwartungen hinterher jagen und womöglich daran noch ausbrennen, wollen wir uns dieses Thema genauer ansehen:


Es gibt unterschiedliche Erwartungen, einige davon sind uns bewusst, andere noch nicht.


Erwartungen an unser Kind


„Klassiker“ sind hier:

  • Schlafen (einschlafen, alleine schlafen, durchschlafen, Schlafdauer…)

  • Essen (gemeinsames, nettes, fröhliches Familienessen, wann, wie und was ein Kind zu essen hat – möglichst regelmäßig, gesund, gerne und sofort,…)

  • Kleidung (Jahresabhängig genau passend, alters- und geschlechtermäßig, ordentlich und sauber,…)

  • Ordnung (im Kinderzimmer, im Wohnzimmer, in der Schultasche, im Bett, in der Badewanne, beim Besuch…)

  • Hygiene (Zeitpunkt und Häufigkeit des Duschens/ Badens, Hände waschen, Haare waschen und frisieren, Kleidungswechsel,…)

  • Schule (Noten, Hausaufgaben, Lernen,…)

  • Benehmen (soziale Benehmen: bitte, danke, Entschuldigen, Hand – geben, Benehmen beim Arzt, Großeltern, Geschäft, am Tisch, im Kindergarten/ Schule,...)

Erwartungen an unsere/n Partner*in


Solange ein Paar alleine ist, schaffen es die beiden ganz gut mit den gegenseitigen Erwartung einigermaßen umzugehen. Sobald jedoch ein Kind in dieses erprobte System kommt, werden die Erwartungen „ausgeweitet“ und damit weitere zum Familienleben hinzugefügt:

  • Familien-Atmosphäre (Familie soll Spaß, Geborgenheit, Zusammenhalt,…) bedeuten.

  • Erziehungsmethoden, Werte und Bedürfnisse sollen harmonieren (wie denken und handeln wir als Paar bei Themen wie Strafen und Loben, Konsequenz, Grenzen, Leistung, Sprache und Umgang,…).

  • Rollenaufteilung und Zuständigkeiten (Versorgung des Kindes, Haushalt, Finanzen, Arbeit,…)

Erwartungen an Gefühle


Ja, es gibt auch Erwartungen an die Gefühle unserer Kinder – wie lange darf das Kind traurig sein und weinen? Wie lange darf es wütend sein? In welcher Form darf es seine Gefühle ausleben: „Du darfst natürlich frustriert sein, aber die Türe darfst du nicht zuschmeißen und so laut darfst du auch nicht schreien“.


Erwartungen an Situationen


Wie soll die Geburtstagsfeier, das Abendessen, der Urlaub, der Familienfilm, der Spaziergang, … ablaufen? Wie sollen anwesende Personen handeln und sich fühlen?


Erwartungen an andere Personen


Schwiegereltern, Lehrer*innen, Pädagog*innen, Geschwister, Nachbar*innen,… Wie sollen diese Menschen sein, handeln und fühlen?


Erwartungen an uns selbst


Wenn wir uns bewusst werden, unter welchem Erwartungsdruck wir im Laufe des Tages stehen, kann das ganz schön erschütternd sein. Aus welchen Gründen auch immer neigen wir stark zu Perfektionismus, oft in unterschiedlichen Bereichen: wie wir im Außen wirken, was andere über uns denken, unser Bild von einer guten Mama/ einem guten Papa, von glücklichen Familienmitgliedern,… Wie oben unter dem Punkt „Erwartungen an Kinder“ erwähnt, fühlen wir uns für jeden Lebensbereich verantwortlich und haben das Gefühl zu scheitern, wenn es anders kommt: wenn das Kind immer noch nicht durchschläft, wenn es Fast Food isst, wenn es über eine gewisse Zeit fern sieht, wenn es mit schmutziger Hose in den Kindergarten geht, … all das führt schnell dazu, dass wir uns als Versager*innen fühlen. Das tut weh und das wollen wir unbedingt vermeiden. Der Druck wächst.

Dadurch wird deutlich, dass unsere Erwartungen unser Alltagsleben prägen. Die Schwierigkeit daran ist, dass wir enttäuscht sind, wenn diese nicht erfüllt werden. Das bedeutet, dass unser Wohlbefinden davon abhängt, ob unsere Mitmenschen etwas tun, oder nicht tun, oder ob wir etwas schaffen oder nicht schaffen. Es sind nicht nur die großen Enttäuschungen, sondern all die kleinen über den Tag verteilt, wodurch es uns auf Dauer schlechter gehen kann. Das ist Abhängigkeit.

Ein Beispiel: Dein Kind mag im Winter einfach keine Socken anziehen. Wir als Eltern erwarten dann von uns, dass wir diese Socken auf die Füße bekommen. Wenn es nicht klappt, ist der Frust auf beiden Seiten groß.


Was können wir also tun?


Wir fangen an, bewusster zu werden.

  • Wo gibt es immer wieder Konflikte und Spannungen, Diskussionen oder tiefe Enttäuschungen bei dir? Schau bitte genau hin.

  • Notiere deine Erwartungen dazu und formuliere sie möglichst genau.

  • Überprüfe diese Erwartungen: Sind sie realistisch? Können sie tatsächlich von dir oder von anderen erfüllt werden? Sind sie im Einklang mit vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten? Hast du dein Anliegen klar kommuniziert? Versteht die andere Person deine Erwartungen?

  • Vielleicht erkennst du sogar, woher deine Erwartungen kommen – von den Eltern, Lehrer*innen, Großeltern, Freunde,…?

  • Und schlussendlich: Welche davon erlaubst du dir, loszulassen?

Wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, kann es sein, dass wir uns enttäuscht fühlen. Hier dürfen wir bedenken:

In dieser Erfahrung steckt sehr viel Entwicklungspotential. Wir können daraus lernen, dass unsere Erwartung nicht ganz der Wirklichkeit entspricht, wir können also aus einer Täuschung heraustreten. Dies sollten wir möglichst wertfrei tun.

Atme durch und fühle, dass das Ereignis (der gegessene Burger mit Pommes, die 1,5 Stunden Fernsehen, der barsche Ton, das zu späte Schlafen gehen,…) nicht lebensbedrohlich sind.


Öffne dich nun langsam für andere, neue Wege. Erlaube dir und deinem Kind Fehler und freue dich, dass ein Stück mehr Leichtigkeit sein darf.




Eva Penz ist Familienberaterin und hat sich auf Mama-Themen spezialisiert. Sie begleitet und berät Mamas in allen (Krisen-) Zeiten, die Mutterschaft mit sich bringen können.

Zu ihrer Website: www.eva-penz.com

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