Seelisches Wohlbefinden aus Sicht der Logotherapie und Existenzanalyse. Teil 1: Leid


Teil 1: Der Begriff Leid in der Logotherapie


Das Leben schenkt uns in rhythmischer Abwechslung Licht und Schatten. Während wir Menschen meist von positiven Lebensereignissen und Momenten des Genusses profitieren, benötigen wir für unangenehme Gefühle oder Schicksalsschläge unterschiedlichste Widerstandskräfte und Fertigkeiten, um diese auszuhalten und durchzustehen. Der Psychotherapeut und Psychiater Viktor. E. Frankl bezeichnet diese Widerstandskräfte auch als Einstellungswerte: Fähigkeiten und Einstellungen, die uns dabei unterstützen, negative Lebensereignisse besser durchzustehen und, wie Frankl in seinem Buchtitel betont, es zu schaffen „Trotzdem Ja zum Leben (zu) sagen“.


Jeder Mensch wird unweigerlich mit leidvollen Ereignissen in seinem Leben konfrontiert. Egal wie sehr wir uns anstrengen, wir können uns diesen Phänomenen nicht entziehen. Wenn unsere Möglichkeiten ausgeschöpft sind und wir nichts mehr tun können, bleibt uns immer noch die Option, dem Leid gegenüber Stellung zu beziehen. Wir können letztlich immer entscheiden, wie wir mit dem Erlebtem umgehen, wie wir uns dazu positionieren, wie wir es (er)tragen.

Ebenso wichtig sind dazu die Begriffe der Freiheit und Verantwortlichkeit. So wie wir die Freiheit besitzen gegenüber dem eigenen Schicksal Stellung zu beziehen und Entscheidungen zu treffen, tragen wir gleichzeitig die Verantwortung für diese Entscheidungen. Ein weiterer wichtiger Faktor, der uns Menschen dabei unterstützt, Leid auszuhalten, ist die Hingabe an eine sinnvolle Aufgabe. Für jeden von uns ist diese Aufgabe unterschiedlich – sei es im beruflichen, familiären, künstlerischen, sozialen oder sportlichen Kontext.

Denn: Frankl teilt die Möglichkeiten, sich in der Welt zu verwirklichen, in drei Werte-Kategorien ein. Diese Werte tragen uns auch durch schwierige Zeiten.

Die Schöpferischen Werte: Wir verwirklichen uns im Schaffen von etwas, sei es beruflich, kreativ, durch Fürsorge, usw. Wir schenken der Welt sozusagen etwas von uns.

Die Erlebnis- oder Genusswerte: Wir genießen die Kunst, die Natur, Reisen, soziale Kontakte, usw. Wir nehmen Anteil an der Welt, genießen und tun uns selbst etwas Gutes.

Die Einstellungs- oder Leidenswerte: Eigenschaften und Fähigkeiten, mit denen wir dunkle Zeiten durchstehen, wie z.B. Vertrauen in mich, Dankbarkeit über schon Erlebtes oder die Liebe zu Mitmenschen und sich selbst.


„Leiden heißt leisten und heißt wachsen. Aber es heißt auch reifen. Denn der Mensch, der über sich selbst hinauswächst, reift zu sich selbst heran. Ja, die eigentliche Leistung des Leidens ist nichts anderes als ein Reifeprozess. Diese Reifung jedoch beruht darauf, dass der Mensch zur inneren Freiheit gelangt – trotz äußerer Abhängigkeit“.

(Frankl, Der leidende Mensch).

Dies bedeutet nicht viel weniger als, dass wir trotz negativer Erlebnisse, immer das Potenzial in uns tragen, zu der Person zu werden, die wir im innersten sind.

"Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie." Dieses Nietzsche-Zitat war einer der Leitsätze Viktor Frankls.

Literaturtipps: - Viktor E. Frankl: Trotzdem Ja zum Leben sagen - Elisabeth Lukas: Lebensstil und Wohlbefinden - Elisabeth Lukas: Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens

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